Ich habe zwei Gärten. Der eine liegt am Haus. Dort wachsen Blumen zwischen den Spielsachen meiner Kinder. Und es wachsen Kräuter in Töpfen neben der Nestschaukel.
Der andere Garten ist mein Atelier. Dort wachsen imaginäre Pflanzen direkt auf Fotopapier Schicht für Schicht. Für meine Serie „It’s growing“ gestalte ich 100 imaginäre Pflanzen. 10 sind bisher entstanden. 90 warten noch. Und während ich sie erschaffe, merke ich: Ich arbeite in beiden Gärten ähnlich. Aber wie genau funktioniert das? Wie wird aus einem Foto, das ich in einem botanischen Garten schieße, eine imaginäre Pflanze? Und was hat mein Garten damit zu tun?
1. Kleiner Besucher aus dem Wald
Im Sommer 2025 entdeckte ich auf einem Waldspaziergang einen kleinen Schmetterling, der mich nicht losließ. Tage später tauchte er wieder auf. Nicht draußen im Wald, sondern in meinem Atelier. Ich malte ihn in mein Bild „Eingeschlafen“ aus der Serie „Wiegenlieder der Nacht“.
Ein Jahr später war er plötzlich wieder da. Dieses Mal nicht auf einer Waldlichtung und auch nicht auf einer großen Leinwand, sondern klein und beinahe versteckt in einem meiner „Holding Drops“. Warum gerade wieder dieser Schmetterling? Vielleicht, weil Motive bei mir länger unterwegs sind, als ich selbst denke. Sie wandern. Und sie kehren zurück.




2. Momente vergehen und bleiben
Fotografieren hilft mir, Momente festzuhalten – wenn ich schnell genug bin. Neulich fotografierte ich im Botanischen Obstgarten Heilbronn einen Farn neben einem Flammenden Herz. Zusammen wirkten sie fast wie ein Liebespaar. Ich zeigte das Foto einigen Menschen und jedes Mal blieb der Blick genau dort, bei diesem kleinen Moment zwischen den beiden Pflanzen, hängen.
Eine Woche später wollte ich das Motiv noch einmal festhalten. Es gefiel mir so sehr. Aber es war verschwunden. Der Farn war gewachsen. Das Flammende Herz versteckte sich darunter. Die Pflanzen waren noch da, nur der Moment nicht mehr. Das hat mir etwas gezeigt: Momente vergehen und das schneller, als mir lieb ist.
Möglicherweise fotografiere ich deshalb so viel. Weil ich diese Momente bewahren möchte, bevor sie sich auflösen, bevor das Licht anders fällt, bevor eine Pflanze weiterwächst und alles anders wird.


3. Was ich sammle
Ich sammle Beobachtungen. Ich gehe in botanische Gärten, in Gewächshäuser, in den Wald und täglich in meinen Garten. Dort, zwischen Nestschaukel und Gemüsetöpfen, finde ich manchmal die schönsten Momente. Einen Marienkäfer auf einem Blatt. Licht, das durch die Blätter der Obstbäume fällt. Die Kohlmeisenküken, die immer hungrig sind. Oder die Amsel, ein oft und gern gesehener Gast in meinem Garten, der nun ein Weibchen gefunden hat. Zusammen hüpfen sie auf dem Rasen herum.
Ich sammle all diese kleinen Augenblicke des Staunens. Noch entstehen daraus keine Kunstwerke für „It’s growing“. Zuerst gelangen die Fotos auf meinen Computer und werden in Ordnern nach Farben sortiert. Und dort bleiben sie: Wochen, Monate, manchmal ein ganzes Jahr.
4. Warum vergessen
Die Motive schaue ich mir nicht ständig an. Ich glaube, ich muss sie erst vergessen. Das klingt seltsam. Aber wenn ich sofort gestalte, ist die Gefahr groß, dass ein Abbild entsteht – eine Kopie von dem, was ich gesehen habe. Und genau das interessiert mich nicht.
Mich interessiert der Moment danach. Wenn die Erinnerung anfängt, sich zu verändern. Wenn sich verschiedene Beobachtungen vermischen. Wenn aus vielen kleinen Momenten langsam etwas Eigenes entsteht. Die Fotos sinken nach unten wie Sediment auf dem Grund eines Sees. Dort reifen sie und verbinden sich mit anderen Erinnerungen, mit Gefühlen, mit Stimmungen.
Und dann, ganz plötzlich, taucht etwas wieder auf. Eine Blüte aus dem Botanischen Garten in Erlangen. Ein Marienkäfer aus meinem Garten. Ein Blatt aus der Gewächshauszeile in Stuttgart. Oder eben dieser kleine Schmetterling aus dem Wald. Ich weiß nie, wann. Ich weiß nie, warum gerade jetzt. Aber wenn er da ist, weiß ich: Er möchte ins Bild.
5. Wenn etwas imaginär wird
Dann beginnt meine eigentliche Arbeit. Ich übernehme die Pflanzen nicht einfach in ein Bild. Ich verändere sie, verwandle sie. Mit meiner „Traumschicht Methode“ entstehen aus vielen Schichten neue Formen: mit Collage, Malerei und Druck. Es gibt Wartezeiten zwischen den Schichten und immer wieder neue Entscheidungen. Manche treffe ich bewusst, andere intuitiv. Manche passieren fast von selbst. Dabei entfernen sich die Pflanzen langsam von ihrer ursprünglichen Vorlage. Sie werden etwas anderes. Bis irgendwann eine Pflanze entsteht, die es draußen gar nicht gibt. Das genau ist die imaginäre Pflanze.
6. Wie eine Gärtnerin
„It’s growing“ wird noch lange wachsen. 10 Pflanzen sind bisher entstanden. 90 fehlen noch. Ich komme mir inzwischen tatsächlich ein bisschen wie eine Gärtnerin vor. Ich sammle. Ich beobachte. Ich warte. Nicht jede Pflanze wächst weiter. Nicht jedes Motiv wird ein Bild für meine Serie. Einige bleiben Erinnerungen. Andere tauchen plötzlich wieder auf.
Das erinnert mich an meine Oma Rosi. Als Kind goss ich zusammen mit ihr Blumen in ihrem Garten, und sie erklärte mir ihre Namen. Oft saßen wir zusammen an ihrem Küchentisch und ich zeichnete aus ihrem Buch „Blumen- und Blütenzauber“ stundenlang. Mit 12 Jahren schenkte sie mir das Buch. Ich habe es heute noch.
Bestimmt beginnt genau dort auch „It’s growing“ – mit diesem alten Buch und mit meiner Oma und mit den Blumen in ihrem Garten. Nur dass ich heute nicht mehr abzeichne. Heute erschaffe ich meine eigenen Pflanzen mit Farbe, mit Phantasie und mit all den Momenten, die ich draußen einfange. Es sind Pflanzen, die es nirgends gibt, aber die trotzdem da sind – in meinen Bildern.
Vielleicht findet der kleine Schmetterling eines Tages wieder den Weg in mein Atelier und lässt sich dieses Mal auf einer imaginären Pflanze nieder. Vielleicht passiert das früher, als ich denke.
Möchtest du Fotomotive von mir sehen, die darauf warten, verwandelt zu werden? Klicke hier. Oder interessieren dich alle zehn fertigen Pflanzen von „It’s growing“, lies hier weiter. Mehr über „It’s growing“ kannst du in meinem Blogartikel „Im Fokus: Meine Pflanzenserie ‚It’s growing'“ entdecken.

Das Buch „Blumen- und Blütenzauber“ gehört zu den drei wertvollen Dingen, auf die ich nicht verzichten möchte. Möchtest du alle sehen? Klicke gern hier.
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ÜBER MICH: „Schichten werden Träume“ – das ist meine Kunst. Drei Werte leiten mich: Verbundenheit, Langsamkeit und Stillstand. Sie inspirieren meine künstlerischen Mixed-Media-Serien. Die bekannteste ist „It’s growing“: 100 imaginäre Pflanzenarten werde ich erschaffen. Wo Arten verschwinden, lasse ich neue wachsen.
Jede Pflanze entsteht in meiner „Traumschicht Methode“ – Schicht für Schicht, durch Fotografie, Malerei, Collage und experimentellen Druck.
In meinem Blog teile ich die Geschichten hinter den Bildern, gebe Einblicke in meinen Alltag als Künstlerin und Mutter und zeige den Weg zu 100 neuen Pflanzen.
Mehr über mich findest du hier!






