Es gibt ein fotografisches Original für jede Pflanze von meiner Serie „It’s growing“, auch für „Sonnenschweif No. 12“. Ich gestalte es weg.
Jede meiner hundert Pflanzen beginnt mit etwas Echtem: einem Farn aus dem Botanischen Obstgarten in Heilbronn, einer zauberhaften Blüte aus dem Botanischen Garten Dresden oder einem Tropfen auf einem Blatt aus meinem Garten. Was am Ende bleibt, hat mit der Pflanze, die es einmal gab, nur noch eine entfernte Verwandtschaft.
Das war nicht immer so.
1. Das Buch meiner Oma und wie ich es weiterführe
Alles begann am Küchentisch meiner Oma Rosi. Sie schenkte mir ihr Buch „Blumen- und Blütenzauber“, als ich zwölf wurde. Schon mit sechs Jahren hatte ich darin geblättert und Blumen abgezeichnet, stundenlang, Blüte für Blüte, so wie sie im Buch waren.
Heute führe ich ihr Erbe fort, nur mit einem anderen Werkzeug: nicht mit dem Bleistift, der genau sein muss, sondern mit Phantasie, die unserer Zeit antwortet.
Das ist kein kleiner Unterschied. Als Kind ging es mir darum, eine Blume so genau wie möglich zu treffen. Die Form, die Farbe, die Linien sollten stimmen.
Im Kunststudium kam der erste Moment, in dem das mir nicht mehr ausreichte. Im Botanischen Garten Dresden zeichnete ich verschiedene Pflanzen als Vorarbeit für eine Radierung. Die Radierung war kein Abbild mehr. Auch meine Kamera nahm ich mit, um dort zu fotografieren. Es entstanden verfremdete Wesen.
Heute fotografiere ich ebenfalls Originale, echte Pflanzen und echte Momente. Ich halte sie wieder nicht fest, um sie genau zu zeigen. Am liebsten suche ich nach Kompositionen, die geheimnisvoll und traumhaft wirken.



2. Was botanische Genauigkeit verlangt
Anders ist das bei einer botanischen Pflanze, wenn sie genau dargestellt wird. Das bedeutet, einer vorhandenen Wirklichkeit zu folgen. Die Pflanze trägt dann einen Namen, der überprüfbar ist, besitzt erkennbare Merkmale und verweist auf ein reales Vorbild. Die Herausforderung besteht nicht darin, etwas Neues zu erfinden, sondern dem bereits Existierenden gerecht zu werden.
Das ist eine bestimmte Art, mit Natur umzugehen. Eine Art, die einordnet, bestimmt und festhält. Dieselbe Haltung, mit der wir Pflanzen seit Jahrhunderten katalogisieren, vermessen und in Bücher wie das meiner Oma einsortieren.
Mir fehlt dabei etwas. Wenn ich eine Pflanze genau zeige, zeige ich das, was schon da ist. Ich füge nichts hinzu.
3. Warum ich vergessen muss, bevor ich gestalte
Wenn ich ein Foto eins zu eins in ein Bild übertragen würde, entstünde lediglich ein Abbild dessen, was ich gesehen habe. Mich interessiert jedoch nicht die Kopie, sondern die Verwandlung.
Deshalb gestalte ich meine Fotos nicht sofort weiter. Zuerst sortiere ich sie in meine Pflanzenordner auf dem Computer. Dort liegen sie wochenlang, manchmal monatelang. Ich muss die Pflanzenmomente erst vergessen.
Das klingt seltsam, aber wenn die Erinnerung an ein Foto verblasst, beginnt sie sich zu verändern. Verschiedene Beobachtungen vermischen sich, wie Sedimente, die sich langsam am Grund eines Sees setzen und sich dort mit anderen Schichten verbinden. Eine Blüte aus Dresden, ein Blatt aus Stuttgart, ein Moment aus meinem eigenen Garten setzt sich neu zusammen, zu etwas, das ich vorher nicht gesehen habe. So taucht ein Motiv wieder auf, verschmilzt mit anderen Momenten und beginnt, in meiner „Traumschicht Methode“, Schicht für Schicht zu einem Traumbild zu werden.
4. Was eine erfundene Pflanze kann
Eine erfundene Pflanze muss nicht stimmen. Sie darf anders sein, als jede reale Pflanze es je war. Sie darf einfach werden, was sie werden will. Genau das macht sie zu mehr als einem Abbild.
Nur eine Pflanze, die es nirgends gibt, kann den Betrachter wirklich in eine Traumwelt mitnehmen. In unseren Träumen gibt es schließlich auch keine Realität. Eine botanisch genaue Pflanze bliebe immer in der Wirklichkeit verhaftet. Eine imaginäre Pflanze öffnet die Tür zu etwas anderem.
Und es steckt noch mehr dahinter: In meinem Atelier suche ich einen Ort, an dem nichts funktionieren muss. Eine botanisch genaue Pflanze würde genau das wieder hereinholen: den Anspruch, etwas richtig zu machen. Eine imaginäre Pflanze braucht das nicht.
5. Jede Pflanze ihre eigene Welt
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum jede meiner Pflanzen für sich steht. Sie folgt keiner realen Art, keiner botanischen Logik, die sie mit anderen vergleichbar macht. Es gibt kein richtig und kein falsch. Die Pflanze muss sich nicht in ein System einordnen lassen.
Jede Pflanze trägt ihre eigene, in sich stimmige kleine Traumwelt, mit ihren eigenen Farben, ihren eigenen Formen, ihrer eigenen Geschichte.
Wie es aussieht, wenn mehrere dieser Welten sich begegnen, zeigt sich bereits in ersten Hängebeispielen. Die ganze Geschichte dazu erzähle ich an anderer Stelle.



6. Die einzige Antwort, die mir bleibt
Ich will nicht abbilden, was verschwindet. Ich will etwas erschaffen, das es vorher nicht gab.
Das Original bleibt, wo es war: in meinem Garten, im Wald, in botanischen Gärten. Ich zeige es nicht. Ich zeige, was danach entsteht.
Wo die Realität nicht mehr stimmt, kann nur noch Phantasie eine Antwort geben.
Katrin Ratzmann
Let it grow.
Wie sich meine Serie „It’s growing“ entwickelt hat
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ÜBER MICH: „Schichten werden Träume“ – das ist meine Kunst. Drei Werte leiten mich: Verbundenheit, Langsamkeit und Stillstand. Sie inspirieren meine künstlerischen Serien. Die bekannteste ist „It’s growing“: 100 imaginäre Pflanzen werde ich erschaffen. Wo Arten verschwinden, lasse ich neue wachsen.
Jede Pflanze entfaltet sich in meiner „Traumschicht Methode“ – Schicht für Schicht, durch Fotografie, Malerei, Collage und experimentellen Druck.
In meinem Blog teile ich die Geschichten hinter den Bildern, gebe Einblicke in meinen Alltag als Künstlerin und Mutter und zeige als Gärtnerin imaginärer Pflanzen den Weg zu phantastischer Artenvielfalt.
Mehr über mich findest du hier!
