Ich habe zehn Pflanzen neu erfunden. Das sind zehn imaginäre Arten, die es nirgends sonst gibt. Jede hat ihre eigene Geschichte. Jede entstand in den stillen Abendstunden, als meine Kinder schliefen.
Noch 90 Pflanzen warten darauf, von mir entdeckt zu werden.
1. Warum dieses Projekt
Meine Serie „It’s growing“ ist meine Antwort auf eine Frage, die mich nicht loslässt: Was passiert, wenn Pflanzen verloren gehen? Ich möchte das nicht und deswegen erschaffe ich neue. Wo Arten verschwinden, lasse ich neue wachsen. Schicht für Schicht entstehen sie in meiner „Traumschicht Methode“ – durch Fotografie, Malerei, Collage und experimentellen Druck.
Meine Leidenschaft für Pflanzen begleitet mich schon seit sehr vielen Jahren. In meinem Blogartikel „Im Fokus: Meine Pflanzenserie ‚It’s growing'“ verrate ich dir mehr.
2. Wie ich auf die Zahl 100 kam
Es war ein Abend im Januar 2026. Meine Kinder schliefen. Ich glaube, da kommen mir immer die besten Einfälle. Ich saß neben dem Bettchen meines jüngsten Sohnes und ich hörte seinen ruhigen Atem. Ich hatte gerade „Colourful Inside“ fertiggestellt, was nicht einfach war, weil mein ältester Sohn einen leuchtenden Blauton ins Bild hineingemalt hatte. Nach diesen Erschwernissen bei der Fertigstellung des Bildes nahm ich mir vor, mich wieder meiner Pflanzenserie „It’s growing“ zu widmen, die 2025 acht neue Pflanzenarten bekam. Und plötzlich wusste ich, es müssen mehr werden. Aber wie viele? 10? 20? 50? Ich dachte an die Vielfalt der Natur. An die tausenden Pflanzenarten, die existieren. An die, die verschwinden. 100 fühlte sich richtig an. Groß genug, um eine Welt zu erschaffen. Klein genug, um sie in einem Leben zu entwickeln. Es ist eine Zahl, die Respekt verlangt und die mich fordert. Die mich wachsen lässt. In diesem Moment, in der Stille jenes Abends, war der Plan besiegelt.
3. Die ersten 10 Pflanzen
Pflanze Nummer 1: Fröhliche Tropfen
„Fröhliche Tropfen“ war die erste Pflanze, die ich erschuf. Ich stand morgens im Regen, Regenschirm über dem Kopf, und ich hörte das Trommeln der Tropfen. Immer wiederkehrend. Beruhigend.
Beruhigende Rhythmen kenne ich gut: Der Klang der Strick-, Häkelnadeln und der Klöppel meiner Mutter war stets meditativ und gleichmäßig. In meiner Kindheit saß ich oft neben meiner Mutter auf dem Sofa und sah ihr zu, wie sie Stoffgewebe kunstvoll anfertigte. Meine Mutter liebte komplizierte Muster – je anspruchsvoller, desto besser.
Heute sind es andere Rhythmen, die mich begleiten.Das Schnurren meiner Katze, die neben mir liegt, wenn ich gestalte. Der gleichmäßige Atem meiner Kinder, wenn sie schlafen.
„Fröhliche Tropfen“ war das zweite Bild nach meinem Rauhnachtsbild 2024/25, mit dem ich nach 15 Jahren Kunstpause zurückkam.
Ich mag die bunten Tropfen in Kreisform. Der Kreis ist meine Lieblingsform – ohne Anfang, ohne Ende. Wie der Rhythmus, der mich begleitet.

Pflanze Nummer 2: Flüsternder Tautropfenklee
„Flüsternder Tautropfenklee“ entstand kurz nach den „Fröhlichen Tropfen“. Ich merkte: Ich bin fasziniert von Tropfen. Von ihrem Rhythmus und von ihrer Zartheit. Am frühen Morgen, wenn der Tau noch auf den Blättern und Blüten liegt, flüstern sie leise und kaum hörbar.
Ich lief eines Morgens durch meinen Garten durch nasses Gras, um zu schauen: Was gibt es Neues? Was wächst? Die Welt schlief noch. Es war Samstag. Es fühlte sich an, als würde etwas Neues beginnen. Das Alte war zwar noch da, die Erinnerungen an gestern. Aber das Neue kündigte sich an. Die ersten Sonnenstrahlen ließen die Tropfen glitzern. Ich wollte dieses Neue, dieses magische Flüstern einfangen. Diesen zarten Moment zwischen Gestern und Heute. Genau so fühlte sich mein Wiedereinstieg in die Kunst an. Nach 15 Jahren Pause. Die Vergangenheit war noch da. Aber etwas Unbekanntes begann zu wachsen.

Pflanze Nummer 3: Getupftes Waldblatt
Die Idee stammt von einem Nachmittag auf dem Waldspielplatz. Meine Kinder waren beschäftigt. Der Kleine kochte eine Suppe im Holzhäuschen. Der Große kletterte fröhlich auf einem Gerüst. Ich saß auf der Bank und zeichnete. Plötzlich fiel mir auf: Die Tupfen des Sonnenlichts auf den Blättern tanzen. Ich musste das abends in einem Bild festhalten. Manchmal entstehen die schönsten Pflanzen nicht im Botanischen Garten, sondern auf dem Spielplatz, während das Leben einfach passiert.

Pflanze Nummer 4: Rote Feder
Das ist meine absolute Lieblingspflanze. Das Rot der Feder – kraftvoll und leicht zugleich. Sie erinnert mich an meine Gäste im Garten, die ich gern füttere: Kohlmeisen, Spatzen, Gartenrotschwänze. Und mein Lieblingsvogel, die Amsel. Ich glaube, es ist jedes Jahr dieselbe Amsel. Sie sitzt in der alten, großen Weide vor unserem Haus, immer oben in den Ästen. Mal links, am liebsten in der Mitte. Und sie singt. Nur diesem Lied lauschen. Für mich ist das ein Tor in eine andere Welt. Ich frage mich nicht, warum sie singt. Ich genieße einfach den Moment.
Abends, wenn ich Bilder erschaffe, lasse ich oft Vogelgesang erklingen, um solche Augenblicke zurückzuholen.

Pflanze Nummer 5: Blühender Farn
Im Botanischen Garten Dresden gibt es einen Bereich voller Farne. Als Kind dachte ich: Das sind Dinosaurier-Pflanzen. Heute fasziniert mich: Sie sind so alt und doch so zart und so verletzlich. In meinem Garten verstecken sich Käfer unter ihnen. Sie bieten Schutz.
„Blühender Farn“ entstand, als mein ältester Sohn mich ständig über Dinosaurier ausfragte. „Mama, wie sahen die aus? Mama, war das ein Pflanzenfresser?“ Wir besuchten viele Museen und sahen viele Versteinerungen, auch von Farnen. Für mich sind diese Versteinerungen Kunstwerke. Einmal durften wir selbst Abdrücke aus dem Stein klopfen und mit nach Hause nehmen. Wir fanden einen Ammoniten, diese spiralförmigen Muscheltiere aus vergangenen Zeiten. Ich dachte: Farne haben Dinosaurier gesehen. Sie waren da. Sie haben überlebt. Genau das möchte ich mit meinen Pflanzenbildern auch: Raum schaffen, der überdauern darf. Zum Verweilen. Zum Atmen. Zum Staunen.

Pflanze Nummer 6: Schattenrubin
Etwas Kostbares ist für mich „Schattenrubin“. An grauen Märztagen, wenn der Frühling sich nicht zeigen will, suche ich nach Farbe. Im Garten. Auf Spaziergängen. In meinem Atelier.
„Schattenrubin“ strahlt Farbe aus, selbst wenn kein Licht da ist. Genau das brauche ich manchmal: Farbe in der Dunkelheit.
Das ist die einzige Zeit im Jahr, in der ich mir Blumensträuße kaufe, am liebsten Tulpen und Narzissen. Es ist mir sonst zu grau. „Schattenrubin“ erinnert mich an diese Farbtupfer mit Bedeutung.

Pflanze Nummer 7: Orangensternchen
Wenn ich nach oben schaue, spüre ich die unendliche Weite. Sie relativiert meine Sorgen und schenkt mir den Mut, auch in meiner Kreativität. Es ist besonders schön, die Sterne in der Stille der Nacht zu beobachten und dabei zu erkennen, wie klein der Mensch im großen Ganzen ist.
Ein besonderes Erlebnis war Neuseeland. Sternebeobachten dort war atemberaubend. Ein natürlich dunkler Nachthimmel – wo hat man das noch, wenn es überall künstliches Licht gibt? Magische Momente – mein „Orangensternchen“ erinnert mich daran: Ich darf groß träumen.

Pflanze Nummer 8: Voller Wunder
Winter ist die Jahreszeit, die ich am wenigsten mag. Und doch: An einem grauen Februartag sah ich eine einzelne Blüte an einem kahlen Ast. Mitten im Winter. „Voller Wunder“ ist die Welt und so heißt meine neue Pflanze, die mich daran erinnert: Auch in der kargsten Zeit wächst etwas. Man muss nur genau hinschauen.
Meine orangefarbene Zaubernuss im Garten sehe ich bei jedem noch so ungemütlichen Winterwetter durch das große Fenster in meinem Wohnzimmer. Sie ist mein Lichtblick. Sie gibt mir Vorfreude auf den Frühling – neben dem Herbst meine liebste Jahreszeit.

Pflanze Nummer 9: Meeresglöckchen Santa Maria
Kaum etwas bringt mich so schnell in einen kreativen Flow wie die unendliche Bewegung der Wellen. Sie erzählen von Freiheit und Weite – Themen, die immer wieder in meine Kunst einfließen. Da ich leider nicht am Meer wohne, habe ich mir eine Klangbox für Meeresrauschen gekauft. Mein Mann ist nicht begeistert davon und dreht sie manchmal leiser. Aber ich stelle sie einfach wieder lauter.
Etwas Neues bei „Meeresglöckchen“ ist das bewusste Setzen von blauer Farbe durch meinen ältesten Sohn. Er drückte direkt aus der Tube Kobaltblau in die Mitte des Bildes. Wir sprachen es vorher ab. Nachdem er bei meinem Bild „Colourful Inside“ mit einem schrillen Blauton, den er in mein Bild malte, mich überraschte und herausforderte, durfte er diesmal bewusst mit mir gestalten.
Mein Sohn durfte dem „Meeresglöckchen“ auch einen Namen geben. Nach seiner Lieblingsdampfbahn auf dem Stuttgarter Killesberg heißt es „Santa Maria“.
Und „Santa Maria“ wurde auch sein Lieblingslied. Ich wollte ihm eine Freude machen und erzählte ihm vom gleichnamigen Schlager von Roland Kaiser. Es war wieder einmal so eine Alltagsgeschichte, um meinem Kind eine Freude zu bereiten. Dabei wusste ich nicht, was ich anstellte – vor allem als ich das Lied vorspielte. Jetzt wollen es meine beiden Söhne immer wieder hören. Der eine sieben Jahre alt, der andere zwei Jahre alt. Sie singen immer mit. Und manchmal, wenn Roland Kaiser nicht mehr singt, allein im Duett. Und wenn mein Jüngster abends nicht schlafen möchte, singt er es vor sich hin im Bett inbrünstig „Umdada, umdada, umdada, uh ah“. Ich verliere dabei fast den Verstand und mit den Worten Roland Kaisers „Ich habe meine Sinne verloren“ und kann dann nur lachen. Mein Jüngster ist der beste Sänger unserer Familie. Und er glaubt fest daran, dass er über seine Killesberger Dampfbahn singt.

Pflanze Nummer 10: Honighauch
Im Sommer summt mein Garten. Bienen fliegen von Blüte zu Blüte. Fleißig. Leise. Unverzichtbar. Ohne sie keine Früchte. Kein Honig. Keine Vielfalt. Diese Pflanze ist meine Hommage an die Bienen.
Aber dieses Mal war etwas anders: Als ich gestaltete, führten mich die Farben. Ich dachte nicht an die Geschichte des Bildes. Ich war einfach nur im Flow. Und dann legte ich den Pinsel hin. Fertig. Pflanze Nummer 10. Und plötzlich traf es mich wie ein Schlag. Mir wurde bewusst, es sind tatsächlich schon 10 von 100. Ich befinde mich inmitten eines Projektes.

4. Noch 90 Pflanzen erfinden
Das bedeutet: 90 liegen noch vor mir. 90 noch unbekannte Pflanzen. 90 Geschichten. 90 Mal gestalten, träumen und wachsen lassen. Ehrfurcht überkam mich. Das ist kein Hobby mehr, was ich da mache. Das ist kein „einfach nur ein Bild gestalten“. Das ist mein Projekt. Etwas Großes. Früher habe ich nur Bilder geschaffen. Jetzt will ich etwas bewegen. Ich möchte, dass Menschen innehalten. Dass sie die Kleinen sehen, die Bienen. Dass sie das Wachsen sehen. Die Hoffnung. Wo Arten verschwinden, lasse ich neue wachsen. 10 von 100. Es wächst. Und ich wachse mit.
Let it grow. Together?
In meinem Newsletter „Kunstpause“ teile ich, wie die nächsten Pflanzen entstehen. Einmal im Monat. Mit Einblicken, die sonst niemand sieht. Schau gern vorbei: Mein Newsletter enthält eine Überraschung zwei Mal im Jahr für dich bereit. Ich mag Überraschungen. Du auch?
Ich finde Ruhe, indem ich die Welt schichtweise neu erschaffe – bis sie zu träumen beginnt.
Katrin Ratzmann

Für meinen Vater – Alles Gute zum Geburtstag!

ÜBER MICH: „Schichten werden Träume“ – das ist meine Methode und meine Kunst. Drei Werte leiten mich: Verbundenheit, Langsamkeit und Stillstand. Sie inspirieren meine künstlerischen Mixed-Media-Serien. Die bekannteste ist „It’s growing“: 100 imaginäre Pflanzenarten werde ich erschaffen. Wo Arten verschwinden, lasse ich neue wachsen.
Jede Pflanze entsteht in meiner „Traumschicht Methode“ – Schicht für Schicht, durch Fotografie, Malerei, Collage und experimentellen Druck.
In meinem Blog teile ich die Geschichten hinter den Bildern, gebe Einblicke in meinen Alltag als Künstlerin und Mutter und zeige den Weg zu 100 neuen Pflanzen.
Mehr über mich findest du hier!









