Nur erdacht – und doch wächst sie: phantastische Artenvielfalt

Veröffentlicht am Kategorisiert als Meine kreativen Werke
Sonnenschweif und Katrin Ratzmann

Ich kann diesen Nachrichten nicht ausweichen. Berichte über Hitzesommer, über Arten, die verschwinden, über Gärten, die sich auf eine andere Zukunft einstellen müssen. Während ich diese Zeilen schreibe, erleben wir in Deutschland vierzig Grad und tropische Nächte mitten im Jahr 2026.

Ich kenne Pflanzen anders. Ich bin mit ihnen aufgewachsen, dicht an dicht auf jedem Fensterbrett unserer Wohnung, ebenso in unserem Garten, den meine Mutter und vor ihr meine Oma mit Hingabe gestalteten. Wenn man so lange mit Pflanzen lebt, trifft einen ihr Verschwinden anders.

Resignation reicht mir nicht.

1. Spiel statt Mahnung

Ich könnte mahnen. Ich könnte zeigen, was verschwindet, genau und schmerzhaft. Aber ich möchte der Schwere etwas Leichtes entgegensetzen, denn Phantasie ist mir wichtiger als Anklage, und Spiel ist mir wichtiger als Schock.

Also erschaffe ich mit meiner Serie „It’s growing“, was die Wirklichkeit nicht mehr hergibt: eine phantastische Artenvielfalt.

Hundert Pflanzen, die es nirgends gibt, außer in meiner Phantasie und auf meinen Bildern. Sie dokumentieren nichts. Sie erfinden etwas.

2. Was Phantasie öffnen kann

Wenn ich eine Pflanze erfinde, behaupte ich etwas. Ich behaupte, dass Fülle noch möglich ist, auch wenn die Wirklichkeit den Verlust erzählt.

Ich weiß nicht, was jemand denkt, der vor einer meiner imaginären Pflanzen steht. Ich weiß nur, was ich mir wünsche. Ich wünsche mir, dass für einen Moment Raum entsteht, in dem sich etwas bewegt, das vorher feststand.

3. Meine eigene Methode

Diese Fülle in „It’s growing“ entwickelt sich nicht zufällig und nicht über Nacht. Ich habe mir dafür eine eigene Methode geschaffen: Meine „Traumschicht Methode“ verbindet bei meinen imaginären Pflanzen Fotografie, Collage, Malerei und Druck. Schicht für Schicht lege ich die verschiedenen Techniken übereinander. Zwischen ihnen liegen Wartezeiten. Es ist eine Technik, die entstehen musste, weil keine vorhandene gereicht hätte für das, was ich zeigen wollte.

Ich bin die Gärtnerin dieser hundert Pflanzen. Ich sammle Beobachtungen wie Samen und lasse sie liegen, oft monatelang, bis ich mich wieder erinnere. Erst dann beginne ich zu säen. Manche Pflanzen brauchen Wochen, bis ihre endgültige Form sichtbar wird. Manche verändern sich noch, kurz bevor ich den letzten Pinselstrich setze.

Ich kann das Wachsen nicht erzwingen. Ich kann nur die Bedingungen schaffen, unter denen es geschieht, mit der gleichen unbefangenen Neugier, mit der Kinder spielen, ohne Ziel, nur um des Spielens willen. Beobachtungen und Erinnerungen kommen unangemeldet. Sie kreuzen sich, verschmelzen, verlieren ihre ursprüngliche Form. Meine Intuition entscheidet, was als Nächstes kommt: Ich trage eine Schicht Farbe auf, ich drucke, ich collagiere. Schritt für Schritt entsteht so, fast unbemerkt, eine Traumwelt, die vorher nirgends existierte.

4. Besondere imaginäre Pflanzen

Wie viele Pflanzen schon entstanden sind, siehst du in meinem imaginären Pflanzenbuch.

„It’s growing“ ist kein Projekt, das sich in einem Sommer erledigen lässt. Mehrere Jahre wird es brauchen, bis die hundertste Pflanze entsteht.

Die Serie selbst verändert sich auf dem Weg. Die ersten zehn Pflanzen schuf ich noch im kleineren Format, vierzig mal dreißig Zentimeter. Seit der elften wachsen sie größer, siebzig mal fünfzig und fünfundsiebzig mal fünfzig.

Manche Pflanzen scheinen sich zu kennen, auch wenn ich das nicht geplant habe. „Sonnenschweif No. 12“ wirkt für mich wie eine Fortsetzung von „Rote Feder No. 4“, obwohl Monate zwischen beiden liegen. Vielleicht gehört auch „Blühender Farn No. 5“ zu dieser Gruppe, die beide etwas Gefiedertes und Schwingendes haben. Welche Pflanzen noch miteinander in Beziehung treten wollen, ist mir selbst noch nicht bewusst. Das zeigt sich erst, wenn es passiert.

Sonnenschweif No. 12, Blühender Farn No. 5, Rote Feder No. 4

5. Was bleibt

Ich kann das Artensterben nicht aufhalten. Aber ich kann zeigen, dass Pflanzenfülle weiterhin denkbar ist, auch wenn sie auf meinen Kunstwerken eine andere Form annimmt als die, die wir kennen.

Wenn die Wirklichkeit keine Antwort mehr hat, fängt meine Arbeit erst an.

Katrin Ratzmann

Hundert Pflanzen werden es sein, hundert Möglichkeiten – eigentlich noch mehr, wenn die Pflanzen miteinander in Kontakt kommen. Es wächst eine phantastische Artenvielfalt voller Möglichkeiten, die der Wirklichkeit nichts beweisen will und ihr trotzdem etwas entgegenhält.

Ich erträume mir eine andere Welt: eine, in der wir wachsen lassen, statt alles kontrollieren zu wollen. Eine, in der die Vielfalt der Pflanzen erhalten bleibt, für meine Kinder und für die, die nach ihnen kommen. Noch ist sie ein Traum. Aber Träume sind nicht nichts. Manche von ihnen werden wahr.

Schichten werden Träume – Let it grow


Von Katrin

ÜBER MICH: "Schichten werden Träume" – das ist meine Kunst. Drei Werte leiten mich: Verbundenheit, Langsamkeit und Stillstand. Sie inspirieren meine künstlerischen Serien. Die bekannteste ist "It's growing". In dieser Serie wachsen nach und nach 100 imaginäre Pflanzen. Und mit jeder neuen imaginären Pflanze vergrößert sich nicht nur die Serie. Es entfaltet sich auch eine Welt voller neuer Beziehungen. Sie lassen zwischen den Pflanzen sichtbar werden, was vorher verborgen war. Wo Arten verschwinden, lasse ich neue wachsen. Jede Pflanze entsteht in meiner "Traumschicht Methode" – Schicht für Schicht, durch Fotografie, Malerei, Collage und experimentellen Druck. In meinem Blog teile ich die Geschichten hinter den Bildern, gebe Einblicke in meinen Alltag als Künstlerin und Mutter und nehme dich als Gärtnerin imaginärer Pflanzen mit in meine phantastische Artenvielfalt. Mehr über mich findest du hier!

error: Content is protected !!