Meine Bilder werden schneller fertig als meine Gedanken, die zu ihnen gehören. Erst später, beim Schreiben darüber, zeigt sich, was da eigentlich gewachsen ist. „Sommerseide No. 13“ war so ein Bild.
1. Blüten wuchsen von selbst
Abends möchte ich nicht mehr denken. Tagsüber gibt es genug Gelegenheiten dafür.
Ich breite meine Kunstmaterialien aus, fast wie von selbst. Die Hände wissen längst, wohin sie greifen.
Eines Abends nahm ich eine bereits geschnittene Linolplatte mit abstrahierten Blütenformen. Ich setzte mich auf den Fußboden – dorthin, wo ich fast immer Kunst mache, wenn mein jüngster Sohn schläft. Ich begann intuitiv zu drucken:
Druck um Druck verdichteten sich die Blüten auf dem Fotopapier meiner imaginären Pflanze. Sie wuchsen zu einem Geflecht zusammen. Nur an wenigen Stellen schimmerten noch Orchideenblüten hindurch. Im Haus war es mucksmäuschenstill. Draußen lag eine tropische Nacht über einem außergewöhnlich heißen Sommer.
Irgendwann hörte ich auf. Ich räumte alles weg, wie an jedem Abend. Nicht nur aus Gewohnheit, sondern auch, weil am nächsten Morgen kleine Kinderhände durchs Haus streifen und manches entdecken, das noch nicht fertig werden darf.
Als ich das Bild am nächsten Morgen wieder ansah, hielt ich einen Moment inne. „Es ist ja fast fertig“, dachte ich. Nur wenige Collageformen fehlten noch. Das Bild hatte seinen Weg längst gefunden.
Erst Tage später, als ich über meine neue imaginäre Pflanze, „Sommerseide No. 13“, schrieb, verstand ich etwas, was mein Gefühl in jener Nacht bereits gewusst hatte.

2. Wie sich mein Schreiben veränderte
Dieses Verstehen durch das Schreiben war nicht immer Teil meiner Kunst.
Als ich vor eineinhalb Jahren nach fünfzehn Jahren wieder zu meiner Kunst zurückkehrte, begann ich auch einen Blogkurs bei Judith Peters. Dort lernte ich, wie Blogartikel aufgebaut werden und wie Menschen sie über Suchmaschinen finden. Ich setzte es um. Ein halbes Jahr lang schrieb ich Anleitungen, Listen und andere Beiträge, die gefunden werden sollten. Manche wurden viel gelesen und standen zeitweise ganz oben in den Suchergebnissen.
Es funktionierte. Trotzdem merkte ich, dass diese Art zu schreiben, nicht zu mir passte. Ich schrieb für Suchbegriffe, Algorithmen und Erwartungen. Das machte mich unruhig. Dieses Getriebensein kannte ich bereits aus anderen Bereichen meines Lebens. Rund um meine Kunst wollte ich es nicht noch einmal erleben.
Also änderte ich etwas Grundsätzliches. Ich schaltete die Kommentarfunktion meines Blogs aus. Stattdessen entstand mein Newsletter „Kunstpause“ – ein Ort für den direkten Austausch mit Menschen, die mehr erfahren und wirklich lesen möchten.
Auch mein Blog veränderte sich. Er sollte kein Schaufenster für flüchtige Besucher mehr sein, sondern Teil meines künstlerischen Prozesses.
Seitdem beginne ich Texte genauso, wie ich Bilder beginne: ohne Plan. Ich schreibe einfach los. Erst danach beginnt die eigentliche Arbeit. Ich entdecke, was ich sagen möchte. Dann ordne ich Gedanken, streiche Sätze, formuliere neu, lasse einen Absatz stehen und verwerfe den nächsten wieder. Wie lange dieser Weg dauert, weiß ich nie. Aber es geschieht langsam und braucht Pausen.
Es fühlt sich dabei erstaunlich ähnlich an wie bei meinen Bildern.
Im Schreiben entdecke ich, was meine Bilder längst wissen.
Katrin Ratzmann
Irgendwann entsteht eine Ruhe. Ich verliere das Zeitgefühl. Und plötzlich liegt eine Erkenntnis vor mir, nach der ich gar nicht gesucht hatte.
3. Was „Sommerseide“ mir zeigte
Genau so war es bei „Sommerseide No. 13“.
Während ich schrieb, tauchten Erinnerungen auf. Zuerst an die tropischen Nächte dieses Sommers mit ihrer drückenden Wärme und der kaum spürbaren Abkühlung. Dann führten sie mich weiter zurück – nach Bali. Zu Orchideen, üppiger Vegetation und einer Gelassenheit, die entsteht, wenn Hitze nicht mehr bekämpft, sondern angenommen wird. All das war bereits im Bild. Ich hatte es vorher nur noch nicht gesehen.
Doch damit endet die Geschichte des Bildes nicht. Ich kenne das von anderen Pflanzen meiner Serie „It’s growing“. Manche erzählen ihre Geschichte erst Monate später weiter. So wächst meine Pflanzenwelt unaufhörlich – Bild für Bild, Geschichte für Geschichte.

4. Was ein Text nie schafft
Deshalb kann ein Text ein Bild für mich niemals vollständig erklären. Aber darum geht es auch nicht. Auch „Sommerseide No. 13“ bleibt größer als meine Worte. Das Bild trägt Erinnerungen, Stimmungen und Assoziationen in sich, die weit über das hinausgehen, was ich selbst benennen kann. Mein Text nähert sich einer dieser Spuren an – meiner eigenen.
Er entscheidet sich für einen Weg. Er beschreibt, verbindet und deutet. Und er weiß immer, dass er das Bild nie ganz einholen wird.
Ich schreibe nicht über meine Kunst. Ich schreibe, um sie besser zu verstehen.
Schreiben ist für mich kein Begleiter meiner Kunst. Es ist eines ihrer Werkzeuge. Erst schreibend entdecke ich, was meine Bilder längst wissen.
Und trotzdem endet ein Bild nie mit dem letzten Satz. Es wächst weiter – in Erinnerungen, Assoziationen und Träumen der Menschen, die ihm begegnen.
Schichten werden Träume. Vielleicht auch deine.
Ich teile Links aus vollem Herzen – dafür gibt’s keine Provision. Judiths Blogkurs, mit dem alles begann, mag ich immer noch sehr.

ÜBER MICH: „Schichten werden Träume“ – das ist meine Kunst. Drei Werte leiten mich: Verbundenheit, Langsamkeit und Stillstand. Sie inspirieren meine künstlerischen Serien. Die bekannteste ist „It’s growing“: 100 imaginäre Pflanzen werde ich erschaffen. Wo Arten verschwinden, lasse ich neue wachsen.
Jede Pflanze entfaltet sich in meiner „Traumschicht Methode“ – Schicht für Schicht, durch Fotografie, Malerei, Collage und experimentellen Druck.
In meinem Blog teile ich die Geschichten hinter den Bildern, gebe Einblicke in meinen Alltag als Künstlerin und Mutter und zeige als Gärtnerin imaginärer Pflanzen den Weg zu phantastischer Artenvielfalt.
Mehr über mich findest du hier!
