Puzzleteile aus Papier

Veröffentlicht am Kategorisiert als Meine kreativen Werke
Himmelstänzerin No. 14 - It's growing von Katrin Ratzmann

Im Tarotgarten in der Toskana stand ich in der Sonne und konnte nicht aufhören zu schauen und zu staunen. Niki de Saint Phalle schuf diesen Garten mit der Hilfe ihres Mannes Jean Tinguely. Der Garten fasziniert mich bis heute und vor allem Nikis Plastiken.

Ich erinnere mich: Überall waren Figuren: groß, bunt und rund. Sie glitzerten zwischen den Pflanzen und schienen sich mühelos gegen die Schwerkraft zu behaupten. Was mich an ihnen fesselt, ist diese unbeschwerte Leichtigkeit. Ihre Figuren leuchten durch die Mosaike. Doch nicht alle tragen Mosaik. Die Leichtigkeit liegt also woanders: in der Haltung, in einer Drehung des Körpers, in einem ausgestreckten Bein.

Wie bei dem „Blauen Engel“. Er hebt ein Bein. Unter ihm wölbt sich eine Kuppel aus unregelmäßigen Spiegelsteinen. Es ist die Kapelle der Mäßigkeit. Die Oberfläche des Engels ist dagegen glatt, ohne ein einziges Mosaiksteinchen.

Auch „Der Mond“ kommt ohne Mosaik aus. Die Figur ist eine rote Gestalt, die einen silbernen Mond trägt. Sie steht zwischen Olivenbäumen, halb im Grünen verborgen.

Im Tarot steht der Mond für Phantasie, für das Rätselhafte und für das, was sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Er wirkt verborgen, rätselhaft und nach innen gekehrt:

Das passt zu einer imaginären Pflanze meiner Serie „It’s growing“. Mehr als zehn Jahre nach diesem Urlaub in der Toskana entstand „Verborgen im Mond“. An Nikis Figur dachte ich dabei nicht. Erst jetzt, beim Betrachten der Fotos, fällt mir die Nähe auf. Vielleicht hat der Garten mehr in meine Arbeit getragen, als mir bewusst war.

„Der blaue Engel“ auf der Kapelle der Mäßigkeit von Niki
„Der Mond“ von Niki im Tarotgarten
Verborgen im Mond No. 15 - It's growing von Katrin Ratzmann
„Verborgen im Mond No. 15“ aus meiner Serie „It’s growing“
In der Spiegelung kann jeder ins Kunstwerk gelangen – Detail aus Nikis Mosaiken im Tarotgarten

1. Aus Teilen wird ein Ganzes

Was ich bei Nikis Mosaikplastiken sehe, sind Farbe, Fröhlichkeit und Puzzleteile. Jedes Stück ist klein. Erst zusammen entstehen Körper, Gesichter und Bewegung. Kein Teil muss allein sein.

Bei der Figur der „Welt“ liegen die Stücke dicht, die Fugen sind dunkel. Eine bunte Schlange windet sich um sie, Farbfeld an Farbfeld.

Auch meine imaginären Pflanzen aus der Serie „It’s growing“ entspringen aus ähnlichen Fragmenten. Doch ich baue keine Plastiken, sondern Bildflächen. Und statt Keramik und Spiegel verwende ich Papier.

„Die Welt“ von Niki im Tarotgarten

2. Wie meine Pflanzen entstehen

Meine imaginären Pflanzen wachsen in meinem Garten-Atelier auf Fotoabzügen, und meine Fotografien stammen aus botanischen Gärten, aus dem Wald oder aus meinem eigenen Garten. Darauf male, drucke und collagiere ich, Schicht für Schicht. So formt sich eine imaginäre Pflanze, die es in der Natur nicht gibt.

Ich färbe die bunten, aufgeklebten Papiere sogar selbst, mit Acrylfarbe und Tusche. Manche Papierbögen sind fest, andere weich. Dazu kommt Transparentpapier. Es deckt eine vorhandene Schicht nicht vollständig ab, lässt Farben und Formen also durchscheinen und verändert sie zugleich.

Ich schneide und reiße Papier. Ob ich schneide oder reiße, entscheide ich aus dem Gefühl. Die Schnittkante ist klar und bestimmt, die Risskante weich und ausgefranst. Große Stücke geben der Fläche Halt, kleine bringen Bewegung hinein. Ausgestanzte Kreise setzen Akzente. Mit Leim verbinde ich die Papiere.

Wie die Pflanze am Ende aussehen wird, weiß ich nicht. Ich lege Stücke aufeinander, verschiebe sie, nehme sie wieder weg. Eine Farbe zieht eine andere nach sich.

Und ich male und drucke über die geklebten Papiere und zwischen ihnen. So mischen sich Farben, die in keinem der selbst gefärbten Papierbögen zu finden waren.

Bei Niki bleibt jedes Stück, was es ist. Bei mir geht eines ins andere über. Diese Arbeitsweise nenne ich „Traumschicht Methode“.

Zwischen den Schichten muss alles trocknen. Ich warte, betrachte das Bild und arbeite weiter. Bis irgendwann nichts mehr fehlt.

3. Ein Bild, auf dem der Blick wandert

Meine imaginären Pflanzen geben nicht alles auf einmal preis. Das Auge wandert über die Fläche, bleibt an einer Form hängen, folgt einer Farbe und entdeckt an anderer Stelle etwas Neues. Man liest sie Schritt für Schritt, fast wie einen Roman. Man entdeckt Zusammenhänge, verliert sie wieder und findet neue.

Ich kannte Jackson Pollock nicht. Im Kunststudium zeigte mir meine Dozentin seine Bilder, weil sie Ähnlichkeiten zu meinen sah. Wir waren beide verwundert.

Niki gibt mir die Teile. Pollock den wandernden Blick.

Und jedes meiner Bilder hat einen Ankerpunkt: eine bestimmte Farbe oder eine bestimmte Form. Er kann von der Ursprungspflanze stammen. Er kann auch imaginär sein, erst im Bild gestaltet. Dort darf der Blick ankommen, bevor er weiterwandert.

„Traumschwingflügler No. 19 – Wo Träume entstehen“ (Foto coming soon) ist mein bisher kleinteiligstes Bild. Stück reiht sich an Stück, Formen und Farben begegnen sich, überlagern sich und halten die Fläche zusammen. Der Blick springt, bleibt hängen und wandert weiter. Sein Ankerpunkt sind die kleinen Flügel. Ich klebte sie später hinzu, nachdem ich beim Kastaniensammeln mit meinen Kindern ein Taubenschwänzchen entdeckt hatte.

Die „Himmelstänzerin No. 14″ bildet dazu einen Gegenpol. Hier ist mehr Raum zwischen den Formen. Die Bewegung ist leichter. Sie tanzte schon, als ich sie im Botanischen Obstgarten in Heilbronn fand.

Meine Papierpflanzen gehören zur Serie „It’s growing“. Hundert sollen es werden. Die bisherigen Arbeiten findest du in meinem imaginären Pflanzenbuch.

Himmelstänzerin No. 14 - It's growing von Katrin Ratzmann
Himmelstänzerin No. 14

4. Eine Nana in meinem Garten

Der Tarotgarten hat mehr hinterlassen als schöne Bilder in meinem Kopf. Der Urlaub in Italien wirkte sofort nach. Es sponn sich ein Wunsch: eine eigene Nana zu haben. Ich wollte sie allein schaffen. Doch die Zeit war nicht da. Mein Job forderte mich zu sehr. Jemand in meiner Familie baute die „Nana“ nach meiner Anleitung. Heute steht sie in meinem Garten, zwischen den Pflanzen, fast verschwunden. Seit ich wieder Kunst mache, scheint sie für mich zu tanzen.

Die ganze Geschichte um meine „Nana“ habe ich in meiner „Kunstpause“ verraten. Einmal im Monat nehme ich dich mit in mein Atelier. Ich erzähle dort mehr, was gerade entsteht und was mich beschäftigt.

5. Mehr aus meinen Gärten


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Von Katrin

ÜBER MICH: "Schichten werden Träume" – das ist meine Kunst. Drei Werte leiten mich: Verbundenheit, Langsamkeit und Stillstand. Sie inspirieren meine künstlerischen Serien. Die bekannteste ist "It's growing". In dieser Serie wachsen nach und nach 100 imaginäre Pflanzen. Und mit jeder neuen imaginären Pflanze vergrößert sich nicht nur die Serie. Es entfaltet sich auch eine Welt voller neuer Beziehungen. Sie lassen zwischen den Pflanzen sichtbar werden, was vorher verborgen war. Wo Arten verschwinden, lasse ich neue wachsen. Jede Pflanze entsteht in meiner "Traumschicht Methode" – Schicht für Schicht, durch Fotografie, Malerei, Collage und experimentellen Druck. In meinem Blog teile ich die Geschichten hinter den Bildern, gebe Einblicke in meinen Alltag als Künstlerin und Mutter und nehme dich als Gärtnerin imaginärer Pflanzen mit in meine phantastische Artenvielfalt. Mehr über mich findest du hier!

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