Wo hört der Garten auf?

Veröffentlicht am Kategorisiert als Kreativer Alltag

Ich trete unter einem Rosenbogen hindurch. Vor mir liegt ein schmaler Weg. Das Licht fällt durch die Blätter und zeichnet Schattenmuster von Blüten und Blättern auf meine Haut: hell, dunkel, hell. Mein Mann steht hinter mir und drückt auf den Auslöser seiner Kamera. Ich bemerke es nicht.

Zu Hause sehen wir uns seine Schnappschüsse an. Bei einem Foto halten wir beide besonders inne. Ich sehe meinen Rücken, das Kleid und das Beet. Und ich suche die Stelle, an der ich aufhöre. Ich finde sie nicht gleich.

Das Kleid ist dunkel. Orangefarbene Vögel sitzen darauf, weiße Blüten und rosa Beeren. Im Beet davor leuchten Zinnien in Rot und Orange. Sie greifen die Farben meines Kleides auf. Die weißen Blüten finden ihr Echo im helleren Gitter des Bogens und im Licht. Ein Arm gehört noch zu mir. Der andere gehört schon dem Gebüsch.

Nichts davon war geplant. Ich habe das Kleid nicht für den Garten ausgesucht. Der Garten erblühte nicht für mein Kleid so. Trotzdem passt alles zusammen. Wo hört der Garten auf, und wo fange ich an? Ich stehe nicht vor einer Kulisse. Ich bin Teil davon.

Verwoben mit den Pflanzen

1. Was ich gesucht habe

An diesem Spätsommertag im Botanischen Obstgarten in Heilbronn war ich auf Motivsuche. Ich wollte Pflanzen für meine Serie „It’s growing“ finden. Ich lief langsam und blieb oft stehen.

Mich zogen die Zinnien an. Und mich zogen die Rosen am Bogen an. Ihr Rosa ist kräftig. Mich zog das Gitter an, das die Pflanzen hält und sich selbst hinter ihnen versteckt.

Vielleicht erinnerst du dich an meinen Blogartikel „Puzzleteile aus Papier“: Niki de Saint Phalles Figuren im Tarotgarten stehen halb im Grün verborgen. Man muss zweimal hinsehen. Mir geht es auf dem Foto ähnlich. Nur hat mich niemand gebaut.

2. Vom Foto zum Bild

Aus solchen Momenten wird mein Material:

Ich streife durch Gärten, suche nach Motiven und fotografiere sie. Dann folgt ein Abzug auf Fotopapier. Auf dem Abzug beginne ich zu arbeiten. Ich lege eine Schicht darüber. Ich nehme etwas weg. Ich setze etwas anderes dazu. Eine Blüte wandert in eine andere Farbe. Ein Blatt bekommt die Kante eines Gitters. Mit jeder Schicht entfernt sich das Bild ein Stück vom Ort.

Die meisten Fotos für meine imaginären Pflanzen habe ich dieses Jahr im Botanischen Obstgarten gemacht. „Verborgen im Mond“, „Sternenweite“ und „Blütenkling und Klang“ sind dort gefunden wurden. Auch die „Himmelstänzerin“.

Die „Himmelstänzerin“ ist mir die wichtigste. Ich erkenne mich in ihr wieder. Sie trägt etwas von meinem Blick und etwas vom Garten. Wo sie anfängt und wo ich aufhöre, kann ich nicht sagen.

Am Ende meiner Gestaltung entfaltet sich eine imaginäre Pflanze, die es nicht gibt. Man erkennt die echte nicht mehr sofort. Man ahnt sie.

Die Grenze verschiebt sich. Wer lange genug schaut, entdeckt eine Blüte, die er schon kennt, in einem Zusammenhang, den er nicht kennt. Wo endet die echte Pflanze? Wo beginnt die imaginäre? Ich will es gar nicht genau wissen.

Das Foto meines Mannes aus dem Obstgarten macht, was meine Bilder machen. Es versteckt etwas in Schichten. Wer langsam schaut, findet mich im Garten.

Verborgen im Mond No. 15 - It's growing von Katrin Ratzmann
„Verborgen im Mond No. 15“
„Blütenkling und Klang No. 18“
„Sternenweite No. 16“
Himmelstänzerin No. 14 - It's growing von Katrin Ratzmann
„Himmelstänzerin No. 14“

3. Meine Antwort

Wo hört der Garten nun auf? Er hört nicht dort auf, wo mein Kleid aufhört. Er hört dort auf, wo wir aufhören hinzusehen.

Das Licht unter dem Rosenbogen hat mich überzogen wie eine Schicht. Der Garten lag nicht nur um mich. Er lag auf mir.

Wo fange ich an? Ich fange an, wenn ich hinsehe. Und ich fange an, wenn ich etwas daraus mache.

Dazwischen liegt meine Arbeit als Gärtnerin imaginärer Pflanzen. Aus realen Pflanzen lasse ich neue Welten wachsen. Hundert Pflanzen sollen es in „It’s growing“ werden. Ihre Namen und Geschichten sammle. Du findest sie in Blogartikeln und in meinem imaginären Pflanzenbuch.

Wenn du mehr davon sehen willst, schreib dich in meinen Newsletter „Kunstpause“ ein. Einmal im Monat erzähle ich dort, was zwischen Foto und Bild passiert. Ich erzähle dort mehr als auf Social Media.

Und du? Kennst du solche Momente? Du siehst etwas an und weißt nicht mehr, wo das eine aufhört und das andere beginnt.

Noch mehr Schnappschüsse:

4. Noch mehr Garten


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Von Katrin

ÜBER MICH: "Schichten werden Träume" – das ist meine Kunst. Drei Werte leiten mich: Verbundenheit, Langsamkeit und Stillstand. Sie inspirieren meine künstlerischen Serien. Die bekannteste ist "It's growing". In dieser Serie wachsen nach und nach 100 imaginäre Pflanzen. Und mit jeder neuen imaginären Pflanze vergrößert sich nicht nur die Serie. Es entfaltet sich auch eine Welt voller neuer Beziehungen. Sie lassen zwischen den Pflanzen sichtbar werden, was vorher verborgen war. Wo Arten verschwinden, lasse ich neue wachsen. Jede Pflanze entsteht in meiner "Traumschicht Methode" – Schicht für Schicht, durch Fotografie, Malerei, Collage und experimentellen Druck. In meinem Blog teile ich die Geschichten hinter den Bildern, gebe Einblicke in meinen Alltag als Künstlerin und Mutter und nehme dich als Gärtnerin imaginärer Pflanzen mit in meine phantastische Artenvielfalt. Mehr über mich findest du hier!

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