Als mein Mann einen Rollator gewann: Wie Kreativität aus dem Überflüssigen entstand

Veröffentlicht am Kategorisiert als Kreativer Alltag 2 Kommentare zu Als mein Mann einen Rollator gewann: Wie Kreativität aus dem Überflüssigen entstand

Es begann an einem ganz normalen Tag, an dem wir, mein Mann und ich, lediglich ein paar Augentropfen aus der Apotheke holen wollten. Doch als mein Mann, der sich gerade mit einem gebrochenen Zeh herumschlug, am charmanten Rollator-Vertreter vorbeihumpelte, ahnte ich noch nicht, dass ein ungebetener Gast in unser Leben treten würde. Der Vertreter, mit einem Witz auf den Lippen, animierte meinen Mann, ein Los zu ziehen. Automatisch zog ich auch eins – ich zog zum Glück eine Niete. Erleichtert atmete ich auf. Trotzdem geschah das Unvorstellbare: Mein Mann freute sich plötzlich, denn er zog den Hauptgewinn: einen Rollator!

Ein Gewinn, der Fragen aufwirft

„Herzlichen Glückwunsch, Sie haben einen Rollator gewonnen!“, rief der Vertreter. Mein erster Gedanke war jedoch: „Wo soll der Rollator hin?“. In unserem Haus ohne Keller ist Platz immer ein kostbares Gut. Zudem versuche ich, nach Marie Kondo Ordnung zu halten – eine Unmöglichkeit mit zwei Kindern. Kinder haben ein ganz anderes Ordnungsempfinden. Und sie finden ständig etwas draußen und das wollen sie dann sammeln.

Der Rollator, der nun auch zu unserer Sammlung gehörte, stand im Flur. Er fühlte sich für mich wie ein Störenfried an – wie ein ungebetener Gast, der einfach nicht gehen wollte.

In den ersten Stunden war ich hin- und hergerissen. Denn mein Mann und unser ältester Sohn fanden Gefallen an dem neuen „Spielzeug“ und machten Sitzproben. „Schau mal, wie bequem!“, lobte unser Sohn begeistert und setzte sich mit einem breiten Grinsen darauf. „Können wir ihn wirklich behalten?“ Der Rollator wurde mir immer unheimlicher. „Wir sind doch noch nicht alt!“, entgegnete ich. Und mein Mann: „Wir könnten den Rollator ja für später aufheben, wenn wir es dann sind.“. Aber warum sollten wir etwas besitzen, das wir erst in Jahrzehnten nutzen würden? Das passte einfach nicht in meinen Kopf. Ich träumte von „Magic Cleaning“ à la Kondo, auch wenn ich wusste, dass das ein langfristiges Projekt wird – wie ein Marathon in Zeitlupe.

Für bizarren Einsatz

Dann versuchte ich mich mit meinem Gast anzufreunden. Ich setzte mich auf ihn. Er war wirklich sehr komfortabel. Auch schön für den Rücken mit Lehne. Spontan schlug ich vor, den Rollator im Garten zum Unkrautzupfen zu verwenden. Oder bei Glatteis, weil beim öffentlichen Nahverkehr, mit dem ich zur Arbeit fahre, das Streuen oft nicht funktioniert – zumindest nicht am frühen Morgen, wenn ich unterwegs bin. Alle absurd anmutenden Vorstellungen, den Rollator zu nutzen, gefielen mir nicht, denn ich dachte, dass wir ihn ohnehin nur selten verwenden würden. Was also tun?

„Der muss weg!“, sagte ich zu meinem Mann. „Vielleicht in die Garage?“, fragte er. Doch als er dann noch vorschlug, ihn in mein Atelier zu stellen, war ich empört. „Nein, das lasse ich nicht zu! Mein kreatives Reich ist kein Platz für einen Rollator!“. Rollator und Kreativität ergeben für mich keine Summe. Das ist wie ein Elefant im Porzellanladen – einfach nicht möglich, zumindest nicht für mich!

Nützliche Hilfe!

Inmitten dieses Rätselratens kam mir der Gedanke an meinen Vater, der seit seinem 67. Lebensjahr an Alzheimer leidet. Er hat keine Gehhilfe, obwohl er immer schwächer wird und sich schwer tut. „Ich könnte ja noch“, sagt er oft spaßig und lehnt die Idee eines Rollators ab. Früher war er ein begeisterter Wanderer, der mit Leichtigkeit die Berge erklomm. Mein Vater glaubt bestimmt noch daran. Doch die Realität ist eine andere geworden. Er braucht wirklich Unterstützung.

Wir beschlossen also, den Rollator meinem Vater zu geben. „Dort ist er besser aufgehoben als bei uns“, waren wir uns einig. Doch während wir diese Entscheidung trafen, nagten Fragen an mir: Wird mein Vater sich auf ihn einlassen? Alzheimer ist eine herausfordernde Krankheit, die es den Betroffenen erschwert, Neues zu akzeptieren. Sie ist eine Erkrankung, die nicht nur die Erinnerung, sondern auch die Identität in Frage stellt. Wer ist mein Vater geworden? Und wie geht es ihm wirklich in seiner inneren Welt? In welcher Wahrheit lebt er?

Die Zerbrechlichkeit seiner Identität ist schmerzlich sichtbar, und oft bleibt ihm die Fähigkeit, seine Gefühle und Gedanken auszudrücken, verwehrt. Alzheimer verdient mehr Aufmerksamkeit in unserer Gesellschaft, damit wir besser verstehen und helfen können. Es gibt Hoffnung, da einige Ärzte die Krankheit ernsthafter angehen. Dietrich Grönemeyer trägt mit seinem Buch „Demenz. Gezielt vorbeugen. Ganzheitlich verstehen. Liebevoll begleiten“ wertvoll dazu bei, das Bewusstsein zu schärfen und den Weg zur Heilung zu ebnen. Es bleibt jedoch viel zu tun, insbesondere angesichts der wachsenden Zahl von Menschen, die mit dieser Diagnose leben müssen, mit einer steigenden Tendenz in der Zukunft.

Klarheit neu entdecken

Der Rollator steht nun bereit, um meinem Vater zu helfen, wenn er ihn braucht. Vielleicht wird er ihm sogar ein Stück Freiheit und Mobilität zurückgeben. Solche Gedanken berühren mich: Während ich mich von diesem Stück „Unordnung“ in meinem Leben verabschiede, wird mir bewusst, dass es manchmal notwendig ist, Platz für Neues zu schaffen. Das Leben bringt Störungen mit sich, die wir nicht immer akzeptieren möchten und sollten. Wir haben die Möglichkeit, die Situation aktiv zu beeinflussen und neu zu entscheiden.

Es ist wichtig, nicht blind dem Weg zu folgen, den ein Rollator vorschreibt, besonders wenn es noch nicht Zeit dafür ist. Mein Atelier bleibt mein kreatives Refugium, ein Ort, an dem ich meine Gedanken und Gefühle frei entfalten kann. Ich habe darüber nachgedacht, wie ich diesen Raum noch schöner gestalten und ihm mehr Zeit widmen könnte. Wenn mein Mann beim nächsten Rollator-Gewinn vorschlägt, ihn ins Atelier zu stellen – für später oder für „schlechte Zeiten“ – werde ich mit einem Lächeln erklären, dass es genug Raum für Kreativität gibt, ohne dass ein Rollator im Weg steht. Denn in diesem kreativen Raum finde ich nicht nur meine eigene Freiheit, sondern auch die Möglichkeit, die Herausforderungen des Lebens mit Liebe und Hoffnung zu begegnen.

Update

Eine Woche später, nachdem ich den Blogartikel veröffentlicht hatte, kam der Rollator mit der Post an, und wie erwartet war mein Vater darüber nicht erfreut. Er half zwar beim Auspacken und machte sogar eine Sitzprobe, doch das Lächeln blieb aus. Das ist verständlich und nicht ungewöhnlich, denn es braucht Zeit, sich an etwas Ungewohntes zu gewöhnen. Ungewohntes kann für uns alle herausfordernd sein, insbesondere für Menschen mit Alzheimer. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass ich zu Weihnachten einen lächelnden und zufriedenen Vater zusammen mit dem Rollator sehen werde – alles braucht seine Zeit.

Genau an dem Tag, als mein Vater den Rollator bekam, fröstelte es mich: Auf Instagram stieß ich auf einen Alzheimer-Test, der die Krankheit ins Lächerliche zieht. … Es ist ein langer Weg zur Akzeptanz dieser Krankheit, und das ist wirklich bedauerlich.

(Eine Geschichte mit autobiografischen Elementen)

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Von Katrin

ÜBER MICH: „Einssein von Kunst und Natur“ – das ist meine Philosophie, die meine Mixed-Media-Kunstwerke prägt. In meinen Blogartikeln teile ich wertvolles Wissen und tiefgreifende Einsichten. Du entdeckst kreative Techniken, erhältst inspirierende Impulse und erfährst spannende Hintergründe zu meinen Bildern. Zudem ermögliche ich Einblicke in meinen kreativen Familienalltag als Künstlerin, Bloggerin und Mama. Schon in meiner Kindheit war ich künstlerisch aktiv. Mein Kunststudium sowie meine Erfahrungen als selbstständige Künstlerin und Lehrerin haben meine Leidenschaft weiter vertieft. Seit Sommer 2025 gebe ich meine Gedanken und Anregungen in meinem Blog an dich weiter. Lass dich von der Schönheit, Vielfalt und Magie von Kunst und Natur inspirieren - in meinen Kunstwerken und meinen Blogartikeln! Mehr über mich findest du hier!

2 Kommentare

  1. Hi liebe Katrin, ich habe beim Lesen der Geschichte richtig mitgefiebert. Schön, dass er nun einen Ort gefunden hat, wo er vielleicht ein Stück Freiheit zurückgeben kann. Ich bin dankbar für jeden Rollator der Welt, denn meine Oma hat damit täglich die Chance rauszugehen und selbst für sich sorgen zu können. Hilfen lehnt sie konsequent hab. Bewegung tut gut, anscheinend auch auf kreative Art und Weise, denn der Beitrag ist toll geworden. Danke dir fürs Schreiben. Herzliche Grüße Cornelia

    1. Lieben Dank für dein Feedback, Cornelia! Es ist schön zu sehen, wie viel Freude und Freiheit ein Rollator bringen kann. Ja, Unabhängigkeit und Bewegung sind sehr wichtig für ältere Menschen. Das thematisiert Dietrich Grönemeyer auch in seinem Buch.
      Ich wünsche dir und deiner Oma herzlich alles Gute!
      Liebe Grüße,
      Katrin

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